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Orscheler Sommer 2012

Die inoffizielle Seite zum Orscheler Sommer

Off Topic - Woodstock 1969


Woodstock 1969 (2)

Die Stimmung im Amerika der späten 60iger Jahre schildert Christopher Cole, damals ein junger Priesterschüler, der seine spätere Frau in Woodstock kennenlernte.

Im Sommer 1969 war ich 20 und Priesterschüler. Ich war eher Einzelgänger und bewegte mich zwischen der Gegenkultur und der eigentlichen Gesellschaft.

Janis Joplin Backstage

Es war eine sehr turbulente Zeit in Amerika, mit Kriegen deren Fronten im Innern wie im Äusseren verliefen, mit Mordanschlägen auf unsere liberalen Führer, zivilen Ungehorsam, Diskriminierung und Infragestellen der gesamten Autorität. Die Institutionen in diesem Land wurden bis in ihre Grundmauern erschüttert. Dieses Umfeld steigerte den Reiz der Gegenkultur.

Die Hippie-Bewegung war mehr als Schlaghosen und lange Haare. Sie war eine Geisteshaltung, eine Weltanschauung, eine Philosophie und Lebenseinstellung. Sie war so durchdringend, dass sie zunächst in die Mainstream-Kultur eindrang und diese dann überrannte. Bis zu einem gewissen Grad waren wir alle Teil von ihr. Uns verbanden gemeinsame Werte wie grundlegende Menschenrechte für alle, die Suche nach Wahrheit und einer besseren Welt sowie Misstrauen denen gegenüber, die die Macht inne hatten.

Hier kurz meine Woodstock-Geschichte:

Im August 69 hatte ich mein Motorrad am Bordstein der Beekman Avenue in Tarrytown abgestellt, als ein schönes Mädchen in einem nagelneuen Mustang aufkreuzte. Sie bekam mit, wie ich ihr Auto bewunderte und fragte mich, ob ich mal mitfahren wollte. Ich sagte: "Klar, wenn ich den Helm aufbehalten darf", denn ich traute keiner Frau am Steuer. Wir fuhren so zwei Stunden um Tarrytown und fanden uns sympathisch.

Sie lud mich ein, mit ihrer Freundin die Woche drauf nach Woodstock zu kommen. Ich traf sie, ihre Freundin und zwei Typen am Fuss der Tappan Zee Brücke an diesem Freitag. Der eine sah aus wie Jimi Hendrix, der andere wie einer der späteren Lynyrd Skynyrd. So fuhren sie im Auto vorneweg, ich mit meinem Motorrad mit Ape Hanger Lenker (Anm. d. Übers.: Chopper) und einem großen Seesack, der an der Rückenlehne festgeschnallt war, hinterher. Ich war der Einzelgänger, der einem Auto mit vier Leuten folgte, in dem das Mädchen saß, das mich faszinierte.

Als wir gerade 15 Meilen hinter uns hatten, begann der Verkehr sich zu stauen. Das Mädchen sprang aus dem Auto. Sie trug nur Jeans und ein Top, aber keine Schuhe. Sie sagte, ich solle meinen Kram in den Kofferraum werfen und wir fuhren beide auf dem Motorrad am Strassenrand am Stau vorbei zum Festivalgelände und warteten auf das Auto. Das kam aber nicht. Die Autos kamen einfach nicht durch und wir wussten, das wir es vergessen konnten ihre Freunde zu treffen. Ich drehte mich zu ihr um und fragte sie, ob sie etwas Geld dabei hätte. Sie hatte 60$ dabei, das war 1969 ein Vermögen! Ich sagte ihr, die Gesetze der Strasse befehlen, dass ich das ganze Wochenende auf sie aufpassen würde, aber sie die Knete teilen müsse. Sie willigte ein und stieg wieder auf mein Bike, wir besorgten ne Flasche Wein und fuhren ins Festivalgelände. Sie war kaum siebzehn. So stand ich am schmierigen Oval und blickte runter zur Bühne mit diesem schönen Mädchen mit Haaren bis zur Taille (sie sah aus wie das Mädchen aus der Mod Sqad TV show), einer Flasche Wein, meinem Motorrad und 400.000 Seelenverwandten. Es konnte nicht besser sein!

Dann sahen wir, dass ein Traktor über eine Stelle freigelegter Erde fuhr (das Gras war total zertrampelt und der Schlamm von zig Jahren Kuhmist kam zum Vorschein). Ich sah, wie der Traktor über so etwas wie einen Erdhügel fuhr, als da plötzlich eine menschliche Hand raushing. Es wurde zur Gewissheit, dass eine Person in einem Schlafsack überrollt worden war. Ich rannte sofort zu den Trailern und knallte solange gegen die Tür, bis der Doktor rauskam. Ich sagte ihm, er müsse sofort mitkommen, es sei jemand überrollt worden! "Was soll ich denn tun?" sagte er und erklärte mir, dass tausende Leute zuviel Dope genommen hätten, Babies bekamen, etc. "Spinnst Du?". Ich sagte "Verdammt noch mal, ich könnte Dir in die Fresse hauen!"

"Es tut mir leid.", sagte er, "ich ruf einen Notarzt." Der Hubschrauber kam und brachte den jungen Mann weg, der war aber bereits tot. Es war wie die Wiederholung der 6-Uhr Nachrichten. Dann kam der Regen. Uns war kalt und wir waren nass und fanden Zuflucht in anderer Leute Zelt, wo wir mal für ne Stunde schlafen konnten. Wir hingen das ganze Wochenende zusammen, lauschten der Musik und nahmen das Geschehen auf. Meine Freundin trat in Glas und schlitzte sich den Fuss auf. Sie wurde in einem der Rot-Kreuz Zelte verarztet. Dazwischen spielte die Musik und wirklich alle waren gut drauf - es gab keine Tätlichkeiten oder Morde. Samstagabend kamen Sly and The Family Stone auf die Bühne, sangen "Gotta Get Higher" und 500.000 junge Leute waren aus dem Häuschen, sangen mit und brüllten sich die Seele aus dem Leib.

Sonntags war ich krank und dachte, ich hätte mir eine Lungenentzündung eingefangen. So entschied ich, nicht auf Hendrix zu warten und brachte meine Freundin nach Hause. Als ich den Thruway in strömenden Regen runterfuhr, dachte ich, wenn ich hier weiterfahre, krachts noch. Dann erinnerte ich mich daran, dass ein Kumpel aus dem Priesterseminar in einem Camp irgendwo in den Catskills arbeitete. Ich fuhr runter von der Strasse, hielt an einem Laden an und fragte die Besitzer, ob sie schon mal irgendwas von St, Vincent's Camp gehört hätten. Es war gerade die Strasse runter!

Mit Vollbart und Lederjacke, nem grossen Messer um meine Taille auf meinem schwarzen Motorrad, so kam ich im Camp an. Das Mädchen auf dem Rücksitz war buchstäblich in Lumpen gehüllt. Die alte irische katholische Nonne wollte es nicht glauben, als ich ihr sagte, ich sei Priesterschüler. Mein Mitbewohner identifizierte mich und sie liessen mich rein. Ich kollabierte unter zehn Bettlaken in einem großen Holzbett, während die Nachrichten mit Berichten über das Katastrophengebiet, dem wir gerade entkommen waren, über den Bildschirm flimmerten.

Am nächsten Tag war es sonnig und klar, als ich den NY Thruway runterfuhr. Ich setzte meine neue Freundin an einer Ecke in Tarrytown ab. Tränen schossen ihr in die Augen, als ich ihr erklärte, dass ich zurück zum Priesterseminar müsste. Wieder zurück in der Schule, als ich im Priestergewand gerade mein Gebetsbuch aufschlug, erschien mir plötzlich das Bild dieses süssen Mädchens mit Tränen in den Augen. Drei Monate hielt ich es aus, bevor ich mein Bike wieder anwarf, zurück zur Throggs Neck Bridge fuhr, um ihr zu sagen, das wir uns doch ab und zu mal wieder sehen könnten.

PS: 35 Jahre später sind wir immer hoch verheiratet! Dies ist eine wahre Geschichte!

von Christopher Cole
Copyright für alle Fotos: E. Landy
© 2003-2012 by Strahler & Ghost Productions