Orscheler Sommer 2012
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Sommer Nachrichten
Fischerstechen 2011 beim Hessentag!
- 15.05.2011 16:02
Die Kunstgriff-Macher kommen dem Wunsch der Stadt Oberursel nach. Daher findet das Fischerstechen bereits am 16.Juni 2011 im Rahmen des Hessentags statt.
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- 29.06.2005 17:24
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- 1999 Juli
- Kleine Keimzeitwelt
Eine Band, wie es sonst keine gibt: Keimzeit geben dem Ostler, was er
braucht, und machen das Fantum zum herzlichen Familienerlebnis
Von Thomas Winkler
Im sächsischen Ebersbrunn ist nur ein- oder zweimal im Jahr was los. Dann
baut eine Band im Gasthof "Zum Löwen", einem Prachtbau des DDR-Barocks der
60er Jahre mit der Atmosphäre einer Grundschulmensa, auf der Bühne ihre
Verstärker und Instrumente auf. Die anwesenden Biertrinker und
Biertrinkerinnen lassen sich nicht stören und trinken weiter ihr Bier. Später
füllt sich der Saal, viele sind von weit her angereist. Das Konzert ist
ausverkauft, aber manche Dinge sind anders als auf anderen Konzerten. Wenn
die Band "Kling-Klang" spielt, den einzigen Hit unter den vielen Fan-Hymnen,
der es zu regelmäßigen Radioeinsätzen gebracht hat, trennt sich die Spreu vom
Weizen. Die eigens wegen dieses einen Songs Gekommenen jubeln frenetisch und
ernten indignierte Blicke vom harten Kern. Wenn die Band nach der letzten
Zugabe nicht von der Bühne geht, sondern sich unters Publikum mischt, hat sie
vier Stunden gespielt. Hinten an den Tischen sitzen immer noch die
Biertrinker, aber schon längst gibt es auch Schnaps. In ganz Ebersbrunn
kündete nur ein einziges Plakat, neben der Tür des "Löwen", davon, daß
Keimzeit an diesem Abend spielen.
Keimzeit sind "eine Kultband" (Der Tagesspiegel), "eine Sensation"
(NMI-Messitsch), ein "ostdeutsches Rockphänomen" (Erfurt
aktuell) oder einfach "eine Ostband" (Eigenbezeichnung). Aber eigentlich
sind Keimzeit nicht einmal eine Band, eher eine Familie, in der Musiker,
Techniker, Manager und Fans inniglich miteinander verknüpft sind. Alles
begann in Belzig, einer kleinen Stadt im Brandenburgischen. Die Geschwister
Leisegang, drei Brüder und eine Schwester, gründeten Keimzeit vor ungefähr
zwölf Jahren, so genau weiß das niemand mehr. Man spielte Blues-Standards
oder Songs von Janis Joplin. Norbert Leisegang begann eigene Lieder zu
schreiben, die nach und nach die Coverversionen ersetzten. Das Spielen wurde
zur Sucht, auf der Bühne funktionierte die Familie noch perfekter. Dann kamen
die Probleme. Die in der DDR unverzichtbare Einstufung, die man benötigte, um
auftreten zu dürfen, wurde ihnen verweigert. Die Kulturkommission, vor der
sie spielen mußten, fand immer die nötigen Gründe. Leitern von Jugendklubs
wurde nahegelegt, die Band nicht auftreten zu lassen.
Aber sie waren keine Aufrührer, nicht ihre Texte, nicht ihre Musik, machten
die Wahrer der sozialistischen Werte nervös, sondern ihre schnell wachsende
und im DDR-Standard recht verlotterte Gefolgschaft. Die gab sich nicht damit
zufrieden, daß ein Konzert irgendwann einmal zu Ende ist, sondern feierte in
nahe gelegenen Kleingartenkolonien weiter und störte so die sozialistische
Ordnung. Und die Band feierte mit.
Noch heute, nach drei erfolgreichen Platten, schert sich die Band nicht
darum, ob Bootlegs gemacht werden. Noch heute verbieten sie ihrem Manager,
während einer Tournee Hotels zu buchen. Geschlafen wird bei alten Freunden,
neuen Fans oder einfach auf der Bühne. Meistens aber wird die Landkarte
herausgeholt und der nächste See angesteuert. Und an der Küste ist der Weg
zum Strand niemals zu weit. Wer jetzt "Hippies" denkt, liegt gar nicht
falsch. Sie hassen den Vergleich mit einer gewissen Combo aus San Francisco,
aber wer da nicht selbst drauf kommt, kennt Grateful Dead halt einfach nicht.
Auch wenn die Besetzung nicht mehr dieselbe ist - Schwester Leisegang hat die
Band aus familiären Gründen verlassen, der Keyboarder ist nach zehn Jahren
gegangen, weil er mal "was anderes machen" wollte -, haben sich doch viele
Rituale eingespielt, die sie partout nicht aufgeben wollen. Die Band spielt
fast das ganze Jahr über live, nur zwei, drei Wochen im Jahr haben sie keine
Termine. Die Woche hat einen exakten Rhythmus: Dienstags wird geprobt,
Mittwoch bis Samstag wird aufgetreten, am Sonntag fährt eine Hälfte gemütlich
zurück und die andere widmet sich den Kindern. Und am Montag haben auch heute
noch im Osten viele Bäcker den Laden geschlossen. Manche Dinge ändern sich
nie, Keimzeit ganz bestimmt nicht.
Livespielen ist ihr Leben, das Plattenmachen ein "positives, aber notwendiges
Übel", glaubt Ingo Dietrich, der die Band seit zweieinhalb Jahren managt und
schon lange vergessen hat, warum ihn alle "Hugo" nennen. Aber auch er gehörte
schon länger zur Familie. Seit seiner Zeit beim DDR-Rundfunk, für den
Keimzeit hin und wieder aufgenommen haben, kennt er die Band. Er selbst nennt
sich "Schichtleiter", und nicht selten kommt ihm ein Satz wie "Ich versteh's
ja auch nicht" über die Lippen. Die Musikanten machen es ihm nicht gerade
leicht: "Die wissen, sie müßten eigentlich für die neue Platte was machen wie
,Kling-Klang`. Und weil sie das wissen, machen sie es eben nicht." Der
Schichtleiter registriert eine "Scheu" bei der Band, erfolgreich zu werden,
und "Ängste, die heile Welt, die sie sich aufgebaut haben, aufgeben zu
müssen".
Auch heute noch residiert die Band in Belzig, den Weg ins kulturelle Zentrum,
die ehemalige Hauptstadt der DDR, hat man im Gegensatz zu vielen anderen nie
gefunden, nicht einmal gesucht. Glaubt man Dietrich, wäre übermäßiger Erfolg,
der notwendigerweise Zwänge mit sich bringen würde, "sicher der K.o." für die
Band. Aber damit das passiert, müßte schon ein "dummer Zufall" helfen.
Bleibt die Frage, ob sie den ganz großen Erfolg auch weiterhin werden
verhindern können. Ob ihre noch zu DDR-Zeiten antrainierte
Verweigerungshaltung sie davor retten wird, doch einmal die Kontrolle über
Keimzeit und damit ihr Leben zu verlieren. Fernsehauftritte haben sie kaum,
weil man sich keinen ganzen Tag ans Bein binden will, um einen einzigen Song
zum Vollplayback zu mimen und sich hinterher noch dumme Fragen zur Schuhmode
der Fans anhören zu müssen - nur weil das Gerücht umgeht, Freunde der Musik
von Keimzeit würden sich prinzipiell auf "Römer-Latschen" fortbewegen. Allzu
nervtötende Promotion- und Repräsentationspflichten werden durch ein von
Freunden der Band durchsetztes Manager-Promotion-Label-Netzwerk schon vorher
gefiltert und notfalls geblockt.
Das Problem stellte sich noch nicht, als der Erfolg noch auf den Osten
beschränkt blieb. Nirgendwo funktionierte die Mauer in den Köpfen so gut, wie
bei der Rezeption von Keimzeit. Waren sie anfangs eine Band, deren
Anhängerschaft im Osten immer weiter wuchs, nahm man im Westen so gut wie
keine Notiz von ihnen. Warum das so war, ließ sich leicht erklären: Die Musik
von Keimzeit war und ist so unspektakulär, daß sie in einem Radioprogramm von
heutzutage zwischen all diesen überproduzierten Knallern einfach ungehört
davondudelt. Man muß schon sehr aufmerksam sein, um sich wirklich
hineinzuhören in dieses locker groovende, sehr dichte, meist nur hingetupfte
Geflecht aus Folk, dezentem Rock, ein wenig Blues und Soul. Aber dann hört
man, daß der scheinbar längst überholte Ansatz von der Band als einer
homogenen, sich selbst genügenden Produktionseinheit, in der das Ergebnis
mehr ist als die Summe der Einzelteile, noch einmal ganz wundervoll
funktioniert.
Nur die quengelnde Stimme von Norbert Leisegang bietet einen markanten
Anhaltspunkt - allerdings nicht für Westohren. Diese Unaufdringlichkeit
korrespondiert mit der Mentalität vieler ehemaliger DDR-Bürger, die sich
abgestoßen von der angeblich so dreisten Art ihrer Brüder und Schwestern aus
dem Westen nicht nur der heimeligen Nettigkeit von Keimzeit, sondern auch
vermehrt den Erinnerungen aus der eigenen Vergangenheit zuwenden: City, Silly
und die Puhdys spielen auf Festivals in Neufünfland vor Zehntausenden von
Menschen.
Ähnliches gilt für die Texte von Norbert Leisegang, die sich allzuoft in
Metaphern und Bildern verlieren. Lust darüber zu reden, hat er - sichtlich
genervt nach einem für die Band noch nie dagewesenen Marathon von 50
Interviews - eigentlich nicht mehr. Und "dieses Ost-West-Ding langweilt" ihn
sowieso. Kryptisch verweigern sich auch seine Texte jeder konkreten Aussage,
lassen als Projektionsfläche alle Freiheiten, ohne zu drängen. Wo
Tempo "verblasene Lyrik" registriert, sieht der Ostler, der es
gelernt hat, zwischen den Zeilen nach der Wahrheit zu suchen, in diesen
nichtfordernden Reimen einen Beweis für Ehrlichkeit, Vertrauen und für
Freundschaft, die ihm von der Band angeboten wird - die aber auch nicht
enttäuscht werden kann, weil sich Leisegang immer wieder ums Konkrete drückt.
Wegen seiner inzwischen legendären Zeile "Irre ins Irrenhaus, die Schlauen
ins Parlament" wurde Leisegang fast zum Propheten, dabei entstand der Song
lange vor der Wende. Tatsächlich kommen die Worte, so gibt er zu, "heraus aus
bestimmten Gefühlen", und meist sucht der "notorische Poet"
(Tempo) nur nach "einem guten Klang", ganz ohne Hintersinn, die
Bedeutung kommt erst an zweiter Stelle. Immer wieder ist von Wasser, vom
Meer, von Schiffen, von Kapitänen und Matrosen die Rede, der Weg nach draußen
ist nur eine Sehnsucht, die nicht erfüllt werden soll. Und auch nicht erfüllt
werden muß, solange die kleine Welt noch funktioniert.
Aber die kleine Keimzeitwelt dehnt sich nach Westen aus. Zuerst waren es nur
westwärts gewanderte Studenten, die bei der Organisation von Uni-Feten dafür
plädierten, doch diese Band aus ihrer alten Heimat mal einzuladen. Beim
ersten Auftritt in Braunschweig reisten drei Busladungen mit Keimzeit-Fans
aus Magdeburg an und waren noch recht allein in der Fremde. Aber das
Verhältnis pendelt sich inzwischen ein, auch ihre spärlichen Auftritte im
Westen sind inzwischen gut besucht, und die Exilanten stellen einen immer
geringeren Anteil am Publikum. Für die neue Platte "Primeln & Elefanten"
lassen sie sich erstmals zumindest in Ansätzen auf die Mechanismen des
Geschäfts ein, wenn auch hauptsächlich deswegen, um die Plattenfirma, die
diesmal ein besseres Studio finanziert hat, nicht reinzureiten.
Aber daß Keimzeit zu wirklichen Popstars werden könnten - da ist dann doch
das penetrant Unglamouröse ihrer Erscheinung vor. Sie könnten Kling-Klänger
im Dutzend schreiben und sich von Trevor Horn produzieren lassen, zumindest
die zotteligen Bärte, die Lehrerbrillen, die labbrigen Jeans und verwaschenen
Sweat-Shirts werden sie bis auf weiteres davor schützen, Belzig und ihre
kleine heile Welt dort verlassen zu müssen.
Keimzeit: "Primeln & Elefanten", K&P Music/BMG
Tournee: 28.4. Ebersbrunn, 29.4. Hörlitz, 2.5. Record-Release- Party
in Berlin, 4.5. Wuppertal, 5.5. Mühlheim, 8.5. Freiburg, 9.5. Bonn, 14.5.
Frankfurt/Main, 17.5. Kiel, 19.5. Neubrandenburg, 20.5. Altdöbern, 22.5.
Leipzig, 7.6. Potsdam, 8.6. Gera, 9.6. Riesa, 10.6. Spremberg, 14.6.
Greifswald, 15.6. Waren-Müritz, 16.6. Bad Doberan, 17.6. Schwerin, 21.6.
Leipzig, 22.6. Chemnitz, 23.6. Quedlinburg, 24.6. Kamenz, 25.6. Wandersleben,
28.6. Merkers, 29.6. Berlin, 30.6. Cottbus, 1.7. Belzig, 17.8. Guben, 18.8.
Bernburg, 19.8. Stollberg/Harz, 24.8. Biebersdorf, 25.8. Bischofswerda, 26.8.
Potsdam, 31.8. Hoyerswerda
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T950428.134 TAZ Nr. 4606 Seite 15 vom 28.04.1995
345 Zeilen von TAZ-Bericht Thomas Winkler
zurueck
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